Fahrraddiebstahl wird als Bagatelle behandelt, weil ein einzelnes Rad selten viel wert ist. In der Summe ist er das nicht, und der Teil, der sich in Euro ausdrücken lässt, ist dabei nur die halbe Rechnung.
Die Ausgangszahlen
2024 wurden in Österreich 19.455 Fahrraddiebstähle angezeigt, nach 18.566 im Jahr davor. Zum Vergleich: 2014 waren es 28.274. Die Zahl ist über zehn Jahre deutlich gesunken und zuletzt wieder gestiegen.
Die Aufklärungsquote lag bei 8,9 Prozent. Anders gesagt: In mehr als neun von zehn Fällen bleibt es beim Verlust.
Regional verteilt sich das nicht so, wie man vermuten würde. Wien führt absolut mit 7.009 Anzeigen, liegt pro Kopf aber nur im hinteren Drittel. Am höchsten ist die Belastung in der Stadt Salzburg mit rund 70 Diebstählen je 10.000 Einwohnerinnen und Einwohner.
Die Dunkelziffer
Angezeigt wird längst nicht jeder Diebstahl. Wer ein altes Rad verliert, das ohnehin nur noch zum Bahnhof gefahren wurde, geht deswegen oft nicht zur Polizei, besonders wenn keine Versicherung im Spiel ist und die Rahmennummer fehlt.
Damit entsteht ein Kreislauf, der die Statistik selbst verzerrt: Ohne Anzeige gibt es keinen Fall, ohne Fall keine Aufklärung, und die niedrige Aufklärungsquote bestärkt die nächste Person darin, es gar nicht erst zu melden. Die angezeigten 19.455 sind eine Untergrenze, nicht die Zahl der Diebstähle.
Was ein einzelner Fall kostet
Der Neupreis des Rads ist nur der offensichtlichste Posten.
Das Rad selbst. Vom 200-Euro-Gebrauchtrad bis zum E-Bike jenseits von 3.000 Euro.
Das Zubehör, das dranhing. Korb, Taschen, Kindersitz, Computer, Schloss. Selten mitversichert, in Summe schnell dreistellig.
Die Selbstbeteiligung, falls die Versicherung ĂĽberhaupt zahlt.
Der Wertverlust in der Regulierung. Viele Polizzen ersetzen den Zeitwert, nicht den Neuwert. Bei einem fĂĽnf Jahre alten Rad ist das ein erheblicher Abschlag.
Die Zeit. Anzeige, Schadensmeldung, Ersatzbeschaffung. Ein halber Arbeitstag ist realistisch.
Der Ersatzverkehr. Wer auf das Rad angewiesen war, fährt bis zum Ersatz mit Öffis oder Taxi.
Und der Posten, der in keiner Statistik steht: Menschen fahren nach einem Diebstahl weniger Rad. Manche ersetzen es nie, andere kaufen bewusst ein schlechteres Rad, um beim nächsten Mal weniger zu verlieren. Volkswirtschaftlich ist das der teuerste Teil, weil er genau die Verkehrsart trifft, die Städte fördern wollen.
Warum die Versicherung selten die ganze Antwort ist
Das ist bemerkenswert, weil genau dieser Fall der häufigste ist. Die durchschnittliche Ersatzleistung liegt zudem bei rund 1.500 Euro je Schadenfall, was für ein Cityrad reicht und für ein E-Bike oft nicht.
Wohin die Räder gehen
Ein gestohlenes Rad wird nicht gesammelt, sondern möglichst schnell zu Geld gemacht. Die üblichen Wege sind wenige und gut bekannt:
Die private Kleinanzeige, meist auf willhaben, oft in einem anderen Bundesland als dem Tatort, oft mit einem Preis deutlich unter Marktwert und einer knappen Beschreibung ohne Rahmennummer.
Der Verkauf in Teilen. Laufräder, Schaltgruppe, Sattelstütze und E-Bike-Akku bringen zusammen mehr als das komplette Rad und sind praktisch nicht zuzuordnen.
Flohmärkte und Gelegenheitsverkäufe, wo niemand nach Papieren fragt.
Der gemeinsame Nenner ist, dass an keiner dieser Stationen jemand prĂĽft. Genau dort liegt der Hebel, und er liegt nicht bei der Polizei, sondern bei den Kaufenden.
Wo sich der Aufwand tatsächlich rentiert
Der Hebel liegt nicht bei der Aufklärung nach dem Diebstahl, sondern beim Weiterverkauf. Fahrraddiebstahl funktioniert, weil sich ein gestohlenes Rad reibungslos zu Geld machen lässt, meist über eine private Kleinanzeige, oft in einem anderen Bundesland.
Jede geprüfte Rahmennummer vor einem Gebrauchtkauf macht diesen Weg unbequemer. Und jedes registrierte Rad macht die Prüfung aussagekräftiger, auch für Räder, die anderen gehören.
Konkret heiĂźt das:
Registrieren, damit die Nummer überhaupt mit einem Namen verknüpft ist. Kostenlos: App Store · Google Play
Anzeigen, auch wenn es aussichtslos wirkt. Ohne Anzeige gibt es keinen Abgleich mit gefundenen Rädern.
Vor jedem Gebrauchtkauf prĂĽfen.
Beim Verkauf ordentlich ĂĽbertragen, damit die Kette dokumentiert bleibt.
Die Rechnung, die zählt
Ein Schloss in der richtigen Preisklasse kostet einmalig 50 bis 150 Euro. Der Registereintrag kostet fünf Minuten. Dagegen steht ein Verlust, der bei über neun von zehn Fällen endgültig ist und den die Versicherung im häufigsten Szenario gar nicht deckt.
So gerechnet ist Fahrraddiebstahl in Österreich kein kleines Ärgernis, sondern eine der wenigen Schadensarten, bei denen die Vorsorge fast nichts kostet und trotzdem regelmäßig unterbleibt.