Oulu liegt 200 Kilometer sĂŒdlich des Polarkreises. Im Februar sind die Radwege dort weiĂ, und der ZĂ€hler an der Raatti-BrĂŒcke registriert trotzdem im Schnitt 1.118 Radfahrende pro Tag.
Die bequeme ErklĂ€rung lautet: Finnen sind hĂ€rter. Die Fachleute der Stadt weisen diese ErklĂ€rung direkt zurĂŒck, und ihre eigenen Zahlen geben ihnen recht. Winterradfahren in Oulu ist ein Unterhaltsprogramm mit einer Haushaltszeile, keine Charaktereigenschaft.
FĂŒnf BrĂŒcken, ĂŒber 800 Radfahrende pro Tag, mitten im Winter
Der Jahresbericht 2024 zum FuĂ- und Radverkehr zĂ€hlt den Verkehr direkt. In Dezember, Januar und Februar lagen fĂŒnf verschiedene Querschnitte im Tagesmittel ĂŒber 800 Radfahrenden. Raatti bei 1.118 gegenĂŒber 3.287 im Sommer, Patosilta bei 1.002 gegenĂŒber 3.152.
Der Winterverkehr liegt also bei etwa einem Drittel der Sommerspitze. Der RĂŒckgang ist real, aber er ist deutlich kleiner, als man an einem Ort erwarten wĂŒrde, an dem die Sonne im Januar kaum ĂŒber die DĂ€cher kommt. In der Region Oulu wird , im Winter etwa jeder zehnte.
Die ZĂ€hldaten enthalten einen wirklich ĂŒberraschenden Befund. Die Radverkehrsmenge verĂ€ndert sich kaum zwischen ein paar Grad ĂŒber null und etwa minus zehn. Der scharfe Knick liegt bei plus zehn, nicht beim Gefrierpunkt. Abschreckend wirkt nicht die KĂ€lte, sondern der Zustand der FlĂ€che, und dieser Zustand ist eine Dienstleistung.
Was "gerĂ€umt" heiĂt, wenn es im Vertrag steht
Die meisten StÀdte sagen, dass sie ihre Radwege rÀumen. Oulu schreibt es in Zahlen fest, und genau diese Festlegung ist das Interessante.
Hauptrouten liegen in der Unterhaltsklasse Super, die etwas mehr als zehn Prozent des gesamten Netzes abdeckt. Die Bedingungen sind prĂ€zise: GerĂ€umt wird ab 2 cm Schnee, die Reaktionszeit betrĂ€gt drei Stunden, und die Schneehöhe auf dem Weg darf vier Zentimeter nie ĂŒberschreiten, auĂer bei auĂergewöhnlichem Schneefall, definiert als mehr als 20 cm in vier Stunden.
Drei Details zeigen, dass es um das Fahrrad geht und nicht um den Schnee:
Der RÀumwulst muss unter 20 Millimetern bleiben. Ein höherer Wulst lenkt das Vorderrad, und genau so wirft ein gerÀumter Weg trotzdem jemanden ab.
Flache Schare sind verboten, ebenso scharfkantiger Splitt, der Reifen durchsticht.
Festgefahrener Schnee ist bis zum 14. MĂ€rz bis fĂŒnf Zentimeter erlaubt, danach zwei. Das Ziel ist nicht der blanke Asphalt.
Der letzte Punkt ist der gröĂte Unterschied zum deutschen Denken. Oulu streut kein Salz auf seine Radwege. Griffigkeit entsteht im eingefahrenen Winter aus einer glatten, verdichteten Schneedecke, und wo diese Decke hĂ€lt, wird gar nicht gestreut. Salz lĂ€sst auĂerdem FahrrĂ€der rosten, was zĂ€hlt, wenn eine FlĂ€che ausdrĂŒcklich fĂŒr sie unterhalten wird.
Das gesamte Hauptroutenprogramm kostet rund 3.200 Euro pro Kilometer und Jahr, insgesamt etwa 400.000 Euro.
"Damit die Stadtbewohner den ganzen Winter ĂŒber weiter Rad fahren, mĂŒssen sie sich darauf verlassen können, dass der Unterhalt funktioniert. Das Wetter schwankt, daran lĂ€sst sich nichts Ă€ndern, aber der Zustand der Wege ist reines Ergebnis des Unterhalts."
In Oulu werden die Radwege vor den Fahrbahnen gerÀumt, und die Hauptrouten sind vor dem Berufsverkehr frei. Teuer ist das nicht: eine Fahrbahn zu rÀumen und den Schnee abzufahren kostet immer mehr als einen Radweg zu rÀumen.
Zum Vergleich: In Berlin betreut die BSR im Winterdienst rund 1.200 Kilometer Radweg bei einem Netz von etwa 2.376 Kilometern. Das Netz ist also da. Was fehlt, ist das Versprechen, ab welchem Zentimeter gerÀumt wird.
Spikes am Fahrrad sind in Deutschland erlaubt
Eine praktische Frage vorweg, weil sie regelmĂ€Ăig falsch beantwortet wird: Spikereifen am Fahrrad sind erlaubt. Der ADFC formuliert es so: âIm Gegensatz zu Autofahrenden dĂŒrfen Radfahrende Spikereifen benutzen, denn sie beschĂ€digen die StraĂe nicht." Der ADAC sagt dasselbe.
Interessant ist die BegrĂŒndung, denn ein ausdrĂŒckliches Spikes-Verbot fĂŒr Autos steht so gar nicht in der StVZO. Abgeleitet wird es aus § 36 Absatz 1, wonach LaufflĂ€chen keine Unebenheiten haben dĂŒrfen, âdie eine feste Fahrbahn beschĂ€digen können". Genau an dieser Stelle fallen Fahrradspikes nicht darunter: sie sind zu leicht, um die Fahrbahn zu beschĂ€digen. § 67 StVZO, der die AusrĂŒstung von FahrrĂ€dern regelt, enthĂ€lt ohnehin keine Vorschrift zu Reifen, sondern nur zu Licht und RĂŒckstrahlern.
Was die Forschung dazu sagt, lohnt eine ehrliche Einordnung. Niemand hat gemessen, wie stark Spikereifen am Fahrrad reale StĂŒrze verringern. Ein schwedischer Labortest maĂ auf Eis bis zu 2,5-mal höhere Reibung als ein Reifen ohne Spikes, was den Bremsweg etwa halbiert, und eine begutachtete schwedische Modellrechnung schĂ€tzte das PrĂ€ventionspotenzial von Spikereifen auf 12 Prozent. Beides ist keine gemessene Senkung der Sturzzahlen.
Und trotzdem fahren rund zwei Drittel der Winterradfahrenden in Oulu ohne Spikes. Die ErklĂ€rung ist die These dieses ganzen Textes: Auf einer gut unterhaltenen FlĂ€che reichen normale Reifen den gröĂten Teil des Winters. AusrĂŒstung gleicht VerhĂ€ltnisse aus. Sie ersetzt sie nicht.
Was Radfahrende im Winter tatsÀchlich zu Fall bringt
Hier widerlegt die Forschung die ĂŒbliche Annahme, Wintergefahr bedeute Autoverkehr.
Eine finnische Auswertung von 3.449 UnfĂ€llen auf dem Arbeitsweg ergab, dass 63 Prozent durch die Infrastruktur verursacht wurden. Wegrutschen auf glatter FlĂ€che erklĂ€rte 47 Prozent, Eis oder Schnee speziell 30 Prozent. Nur 15 Prozent betrafen ĂŒberhaupt einen anderen Verkehrsteilnehmer, ein Kraftfahrzeug war in sechs Prozent beteiligt.
Die saisonale Aufteilung ist der nĂŒtzliche Teil. Es passieren im Sommer und im Winter etwa gleich viele UnfĂ€lle, aber die Ursachen unterscheiden sich vollstĂ€ndig: In den Wintermonaten erklĂ€rt die Infrastruktur rund 85 bis 89 Prozent, im Sommer 38 bis 46. Da im Winter sehr viel weniger gefahren wird, bedeutet dieselbe absolute Zahl ein deutlich höheres Risiko pro Fahrt.
Im Winter ist das Rad sicherer. Der Keller nicht.
DiebstĂ€hle folgen derselben Kurve wie der Radverkehr. DĂ€nische Polizeistatistik ĂŒber 1.067.279 FahrraddiebstĂ€hle von 2007 bis 2025 zeigt das dritte Quartal 60 Prozent ĂŒber dem ersten.
Aber der Boden liegt hoch, und die DiebstĂ€hle hören nicht auf. Unsere eigene Auswertung der offenen Falldaten der Polizei Berlin zeigt etwas NĂŒtzlicheres. FĂŒr 2025 liegt der Spitzenmonat Mai mit 1.949 FĂ€llen beim 2,06-fachen des Tiefstmonats Februar mit 947. Die Gesamtzahl fĂ€llt vom Sommer zum Winter um 38 Prozent, DiebstĂ€hle aus Kellern und Dachböden aber nur um 27 Prozent. Als Anteil an allen DiebstĂ€hlen steigt der Abstellraum von 4,57 Prozent im Mai auf 7,24 Prozent im Dezember.
Das Risiko verschwindet also nicht, wenn das Rad fĂŒr den Winter hereingeholt wird. Es zieht genau in den Raum um, in den das Rad gebracht wurde. Die Schlossseite haben wir in Fahrrad in der Wohnung aufbewahren behandelt.
Die Dokumentation dauert fĂŒnf Minuten und ist der Teil, den fast alle auslassen. Ohne Rahmennummer lĂ€sst sich ein sichergestelltes Rad praktisch niemandem zuordnen. Bevor das Rad in den Keller geht, sorg dafĂŒr, dass Rahmennummer, Fotos und Eigentumsnachweis woanders existieren als in deinem GedĂ€chtnis. Wo die Nummer steht, zeigt Rahmennummer finden.
Die Lehre aus Oulu ist nicht, dass du bessere Reifen kaufen sollst. Sie ist, dass Winterradfahren etwas ist, das eine Stadt beschlieĂt, und dass die Stadt, die es beschlieĂt, aufschreibt, ab wie vielen Zentimetern der RĂ€umdienst ausrĂŒckt.
FĂŒnf Minuten, kostenlos: registriere dein Rad im App Store oder bei Google Play, bevor die Daten gebraucht werden. Wie die Diebstahlszahlen insgesamt aussehen, steht in Fahrraddiebstahl 2026.