Spikereifen lohnen sich am Fahrrad, wenn auf deinen Wegen immer wieder Eis auftaucht: überfrorener Matsch, spiegelglatte Radwege nach Tauwetter, ungestreute Nebenstraßen. Auf einem gut geräumten Weg mit festgefahrenem Schnee bringen sie weniger, und im tiefen Neuschnee helfen sie kaum. Dazu kommt richtiges Licht, denn in Hamburg ist es am kürzesten Tag nur gut siebeneinhalb Stunden hell. Damit hast du das meiste, was Radfahren im Winter braucht.
Hier liest du, wie du entscheidest, was du kaufst und wie du es einrichtest.
Wann sich Spikereifen lohnen
Wer im Winter stürzt, stürzt meistens allein. Die Unfallforschung der Versicherer (UDV) hat für 2024 in Deutschland 27.836 Alleinunfälle von Radfahrenden mit Personenschaden gezählt, also Unfälle ganz ohne Unfallgegner. Das sind 30 Prozent aller Radunfälle mit Personenschaden, und gut ein Drittel der getöteten Radfahrenden kam bei einem solchen Unfall ums Leben. Als typische Ursache nennt der Bericht Oberflächen mit reduzierter Griffigkeit, etwa durch Nässe, Glätte, Rollsplitt oder Laub.
Die Polizeidaten zeigen vor allem trockene Straßen, weil im Sommer so viel mehr gefahren wird. Die Befragung in der UDV-Studie ergibt aber ein anderes Bild: Wer sein Rad auch im Herbst und Winter regelmäßig nutzt, stürzt häufig auf rutschigem Untergrund.
Eine ehrliche Entscheidungsregel sieht deshalb so aus:
Spikes lohnen sich, wenn du fährst, bevor Räum- und Streudienst unterwegs waren, über ungestreute Flächen musst oder dort wohnst, wo es immer wieder friert und taut. Wenn du nur einen Reifen umrüstest, dann den vorderen.
Du brauchst sie vielleicht nicht, wenn dein Arbeitsweg über eine gut unterhaltene Hauptroute führt. Das ist die Lehre aus Oulu, wo rund zwei Drittel der Winterradfahrenden ohne Spikes unterwegs sind, auf Radwegen, die dafür geräumt werden.
Sie retten dich nicht im tiefen, frischen Schnee. Das räumt selbst der Reifenhersteller Schwalbe in seinen FAQ zu Spikereifen offen ein.
Gut zu wissen: Anders als am Auto sind Spikereifen am Fahrrad in Deutschland erlaubt, weil sie die Fahrbahn nicht beschädigen.
Wie viele Spikes, und wo
Wie viele Spikes ein Reifen hat, unterscheidet sich stark. Bei Schwalbe trägt der Marathon Winter Plus bis zu 240 Spikes, der Ice Spiker Pro bis zu 402, und das Einstiegsmodell Schwalbe Winter kommt mit der halben Menge des Marathon Winter Plus aus. Mehr Spikes bedeuten mehr Halt auf blankem Eis, aber auch mehr Gewicht, mehr Rollwiderstand und eine lautere Fahrt auf trockenem Asphalt.
Ein paar Faustregeln:
Pendeln auf wechselndem Untergrund: ein Reifen mit zwei Spikereihen ist ein vernünftiger Mittelweg.
Viel Eis, Trails oder zerfurchte Nebenstraßen: vier Reihen und deutlich mehr Spikes.
Milde Winter um den Gefrierpunkt, wie sie in weiten Teilen Deutschlands die Regel sind: Ein Reifen mit weniger Spikes reicht oft. Wer kaum Eis sieht, ist mit einem spikelosen Ganzjahresreifen, wie ihn Schwalbe etwa als Marathon 365 anbietet, möglicherweise besser bedient.
Mit kleinem Budget: zuerst vorne. Rutscht das Vorderrad weg, liegst du am Boden, ein rutschendes Hinterrad lässt sich meistens noch abfangen.
Montage, Einfahren und Luftdruck
Neue Spikes müssen sich im Gummi setzen, bevor sie aufs Eis kommen. Schwalbe empfiehlt, neue Spikereifen auf rund 40 Kilometern Asphalt einzufahren und dabei kräftiges Beschleunigen und abruptes Bremsen zu vermeiden. Zieh sie also ein, zwei Wochen vorher auf, nicht am Morgen des ersten Glatteises.
Beim Luftdruck gilt im Winter etwas anderes. Weniger Luft vergrößert die Auflagefläche und bringt mehr Grip, das ist ein verbreiteter Tipp. René Filippek vom ADFC setzt im BIKE Magazin aber eine klare Grenze: Wer Luft ablässt, „sollte keinesfalls den Mindestdruck, der auf der Reifenflanke steht, unterschreiten", sonst nimmt der Reifen Schaden. Und Fahren mit wenig Druck ist spürbar anstrengender. An Tagen mit überwiegend freiem Asphalt kannst du laut Schwalbe den Druck erhöhen, das senkt das Abrollgeräusch der Spikes.
Hat dein Rad einen Motor, fahr auf Glätte behutsam an. Bosch rät, beim Anfahren auf starke Motorunterstützung zu verzichten, weil die Reifen sonst durchdrehen und den Grip verlieren. Kälte kostet außerdem Kapazität und damit Reichweite. Unter null Grad empfiehlt Bosch, den Akku bei Raumtemperatur zu lagern und erst kurz vor der Fahrt wieder einzusetzen.
Licht, Rückstrahler und der Rest der Ausrüstung
Am kürzesten Tag des Jahres ist es in Hamburg 7 Stunden und 27 Minuten hell, in München gut acht Stunden. Wer pendelt, fährt im Winter meistens in beide Richtungen im Dunkeln.
Vorne: ein oder zwei weiße Scheinwerfer, die nicht blenden und nicht blinken, dazu ein weißer Rückstrahler.
Hinten: ein rotes Rücklicht, ebenfalls nicht blinkend, und ein roter Rückstrahler der Kategorie „Z".
Pedale und Seiten: gelbe Rückstrahler an den Pedalen sowie seitlich weiße Reflexstreifen an Reifen oder Felgen, reflektierende Speichen oder zwei gelbe Speichenreflektoren pro Rad.
Akkuleuchten sind erlaubt und dürfen abnehmbar sein, müssen aber bei Dämmerung, Dunkelheit oder schlechter Sicht dran sein.
Wer ohne Licht oder mit defektem Licht fährt, zahlt laut Bußgeldkatalog 20 Euro, mit Gefährdung 25 und mit Unfall 35 Euro.
Über das gesetzliche Minimum hinaus machen ein paar Dinge den größten Unterschied: ein aufladbarer Scheinwerfer, der hell genug ist, um den Untergrund zu zeigen, nicht nur, um gesehen zu werden; ein zweites Rücklicht; Reflektoren an allem, was sich bewegt, etwa Knöcheln und Pedalen; lange Schutzbleche, die im Matsch mehr bringen als jede Jacke; und Handschuhe, mit denen du noch bremsen kannst. Zieh Schichten an, die du öffnen kannst, denn nach zehn Minuten ist dir wärmer als an der Haustür. Mehr zum Licht steht in unserer Herbst-Checkliste.
Das Winterrad ist auch ein Fahrrad
Schwalbe nennt es optimal, die Spikereifen auf einem Zweitrad zu montieren, damit du morgens je nach Wetter das passende Rad nimmst. Viele Haushalte machen das längst mit einem älteren Rad, das zum Winterrad degradiert wurde. Es ist das Rad, das niemand fotografiert und niemand registriert, bis es vom Bahnhofsständer verschwindet.
Wer im Winter fährt, ist keine Randgruppe. In Finnland ergab eine Umfrage der Verkehrssicherheitsorganisation Liikenneturva unter 1.073 Menschen im März 2023, dass etwa ein Drittel der Radfahrenden den vorangegangenen Winter durchgefahren war und 78 Prozent von ihnen sich dabei sicher fühlten. Von denen, die im Winter pausiert hatten, nannten 54 Prozent fehlendes Sicherheitsgefühl als Grund.
„Auf das Winterwetter und die Straßenverhältnisse hast du selbst keinen Einfluss, aber du kannst dich darauf vorbereiten."
Leena Piippa, Planerin bei Liikenneturva, laut dem finnischen Nachrichtenportal Verkkouutiset (aus dem Finnischen übersetzt)
Zur Vorbereitung gehört auch, dass dein Winterrad auf dem Papier existiert. Ein Satz Spikereifen kostet schnell mehr als das gebrauchte Rad, auf dem er montiert ist, und wird das Rad gestohlen, ist die Rahmennummer das, womit die Polizei es dir wieder zuordnen kann. Registrier es wie dein Sommerrad und trag Reifen, Licht und andere Umbauten in die Beschreibung ein, damit der Eintrag zu dem Rad passt, das tatsächlich auf der Straße steht.